Alle sprechen von Hassrede, meinen damit aber nicht immer das gleiche. Ein genauer Blick auf das Wort und seine Bedeutungen kann helfen, die gemeinten Probleme besser zu verstehen.

Screenshot von Telegram, mit Glitchart-Filtern verfremet
Screenshot: Telegram, verfremdet mit Glitchart-Filtern

Gegen Hassrede kämpfen gerade viele: die Polizei, das Justizministerium und die EU, auch Kirchen, NGOs und sogar Krankenkassen. Offensichtlich geht es um ein Riesenproblem. Unter Hassrede fallen wüste Beleidigungen, rassistische Attacken, Tötungsdrohungen. Solche Beispiele sind aber noch keine Definition.

Ich glaube, die Debatte über Hassrede kann nur gewinnen, wenn wir reflektieren, was wir damit überhaupt meinen. Der Begriff ist gerade stark im Wandel. Ältere Bedeutungen gehen verloren und neue kommen hinzu.

Dabei zeichnet sich einerseits ein engerer und andererseits ein erweiterter Begriff von Hassrede ab. In diesem Blogbeitrag schaue ich mir die Unterschiede an und zeige ihre Vor- und Nachteile. Am Ende gibt es konkrete Vorschläge, um Missverständnisse zu vermeiden.

Von Hass, Hetze und Hatz

Wenn man sich bloß das Wort anschaut, könnte man meinen: Hassrede ist, wenn jemand Hass äußert. Der Duden definiert Hass als „heftige Abneigung; starkes Gefühl der Ablehnung und Feindschaft“.

In dieser schlichten Definition wäre Hassrede ein riesiger Sammelbegriff für jede Menge Äußerungen, auch gegen Objekte („Ich hasse mehrspurige Kreisel.“) und Abstraktes („Ich hasse Faschismus.“). Es wäre auch Hassrede, wenn ein:e Mitbewohner:in aufgestaute Wut darüber rauslässt, dass man nie den Müll rausbringt.

Jenseits der Definition aus dem Duden steckt noch mehr im Wort Hass. Aus dem digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (dwds) geht hervor, dass ältere Wörter für „hassen“ eine weitere Bedeutung hatten, und zwar „verfolgen“, „zur Verfolgung bringen“. Noch heute ist „Hatz“ ein eingestaubtes Wort für Jagd. Üblicherweise endet eine Jagd damit, dass das Ziel der Verfolgung erschossen wird.

Zu Hass gehören demnach nicht nur Gedanken und Gefühle, sondern auch der Wille, das etwas mit dem Hassobjekt passiert. Ich würde sagen: Wer etwas hasst, der will, dass es verschwindet, mindestens aus der eigenen Wahrnehmung, vielleicht sogar aus der Welt. Hass heißt, etwas nicht länger ertragen zu wollen. Das unterscheidet den Hass von weniger starken Gefühlen der Ablehnung.

Zum Beispiel Cookie-Banner: Ich lehne sie nicht nur ab, ich hasse sie. Ich kann sie nicht mehr aushalten und will, dass sie verschwinden, mindestens von meinem eigenen Bildschirm. Am Ende des Blogeintrags komme ich auf dieses Verständnis von Hass nochmal zurück.

Häufig ist nicht nur von Hass die Rede, sondern auch von Hetze. Ich konnte mir einige Zeit nicht so richtig vorstellen, was der Unterschied sein soll. Duden und dwds beschreiben Hetze als Äußerungen, die Hass erzeugen. Insofern sind Hass und Hetze eng miteinander verwandt: Hetze ist eine Mutter des Hasses.

Hassrede 1.0: Der enge Begriff von Hassrede

Hassrede ist geäußerter Hass plus Diskriminierung – auf diese Formel lassen sich mehrere Definitionen von Hassrede im engeren Sinn bringen. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) beschreibt Hassrede etwa als „Formen der Abwertung“, die „eng miteinander verwoben“ sein können. Solche Formen sind zum Beispiel Rassimus, Antisemistimus, Sexismus, Homofeindlichkeit, Ableismus, Klassismus. Die Liste der bpb ist noch länger und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Diesem Verständnis folgt auch Hate Aid, eine Hilfsorganisation gegen digitale Gewalt: „Hatespeech ist ein Oberbegriff für verbal oder schriftlich geäußerte, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.“ Auch YouTube beschränkt Hassrede in seinen Richtlinien zu Hassrede auf geläufige Merkmale von Diskriminierung.

Eine dazu passende Definition kommt von der Bundesregierung. Bevor ich darauf eingehe, muss ich noch eine andere Unterscheidung ansprechen, nämlich die zwischen Hassrede und Hasskriminalität. Hassrede kann strafbar sein, unter anderem als Beleidigung § 185 StGB, Volksverhetzung § 130 StGB oder öffentliche Aufforderung zu Straftaten § 111 StGB. In diesem Fall ist sie Hasskriminalität. Das heißt, es gibt eine strafbare Teilmenge von Hassrede namens Hasskriminalität. Definitionen für Hasskriminalität können beim besseren Verständnis von Hassrede helfen.

Die Bundesregierung schreibt im Jahr 2009 in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage, Hasskriminalität seien politisch motivierte Straftaten. Die Umstände der Tat oder die Einstellung der Täter:innen würden sich gegen folgende Eigenschaften der Opfer richten: „politische Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft, sexuelle Orientierung, Behinderung, äußeres Erscheinungsbild, gesellschaftlicher Status“.

Ähnlich definiert das US-Justizministerium Hasskriminalität. Die Behörde schreibt auf Englisch: „Hass bedeutet Bias gegen Menschen oder Gruppen mit bestimmten, per Gesetz definierten Eigenschaften“. Bias lässt sich übersetzen mit Voreingenommenheit und Vorurteilen. Die per Gesetz definierten Eigenschaften sind der US-Behörde zufolge etwa race, color, Religion, sexuelle Orientierung, gender, gender identity, Behinderung. Dahinter steckt das, was die bpb „Formen der Abwertung“ nennt, kurz: Diskriminierung.

Hassrede ohne Hassgefühle

Die engere Definition von Hassrede hat einen großen Vorteil. Sie legt einen Fokus auf diskriminierte Gruppen in der Gesellschaft, die aufgrund struktureller Benachteiligung besonders von Hass betroffen sind. Manche Formen der Diskriminierung sind weniger bekannt als andere. Ich vermute, die meisten Menschen in Deutschland haben das Wort Rassismus zumindest schon einmal gehört, beim Wort Ableismus müssten einige dagegen erstmal nachschlagen. Hassrede als Sammelbegriff kann dabei helfen, Angriffe klar auf Diskriminierung zurückzuführen.

Ein Nachteil der engeren Definition von Hassrede ist, dass Diskriminierung und Hass nicht immer deckungsgleich sind. Der Begriff ist daher unscharf. Personen können sich diskriminierend äußern, ohne dabei einen Funken Hass zu empfinden. Zum Beispiel, wenn ein Vater mit einem Weltbild von Vorgestern in eine Elterngruppe scheinbar fürsorglich schreibt: „Mädchen sollten kein Fußball spielen“. Das ist Sexismus, aber ist es auch Hassrede? Schwierig.

Ein anderes Beispiel wären ins Positive gewendete Formen von Diskriminierung. Um im Beispiel zu bleiben könnte der Vater auch in die Elterngruppe schreiben: „Mädchen können am besten kochen.“ Die scheinbare Aufwertung zementiert die Trennung von Geschlechterrollen. Diskriminierung: ja; Hassrede: schwierig.

Zugleich können sich Personen hasserfüllt äußern, ohne dabei diskriminierend zu sein. Ein Beispiel ist die Wutrede über Mitbewohner:innen, die nie den Müll rausbringen. In diesem Fall ginge es nicht um eine diskriminierte Gruppe, sondern um eine konkrete Person. Keine Hassrede im engeren Sinn.

Die fehlende Begriffsschärfe spricht auch das US-amerikanische Justizministerium an. „Der Begriff ‚Hass‘ kann missverständlich sein“, heißt es auf der Infoseite. Mit „Hass“ sei in dem Gesetz nicht Zorn, Wut oder Abneigung gemeint, sondern „Bias“ in Bezug auf die oben erwähnten Formen von Diskriminierung.

Das klärt vieles. Es wirft aber auch die Frage auf, ob man nicht besser gleich „Bias“ sagen sollte, wenn man „Bias“ meint. Die Begriffe „bias crime“ und „bias incident“ gibt es tatsächlich, sie sind aber weniger bekannt. Der Begriff Hassrede hat sich längst in internationalen Gesetzestexten, Nachrichtenmedien und Debattenbeiträgen breit gemacht. Sprache entwickelt sich weiter, und offenbar bekommt „Hass“ durch die Debatte um Hassrede im engeren Sinn nun eine neue Bedeutung, die es vorher nicht hatte.

Hassrede 2.0: Der erweiterte Begriff von Hassrede

In der Corona-Pandemie gibt es massenhaft Beleidigungen, Hetze und Tötungsdrohungen gegen Menschen, die einfach nur Fakten zur Pandemiebekämpfung verbreiten. Es trifft Politiker:innen und Wissenschaftler:innen, Journalist:innen und Ärzt:innen. In der öffentlichen Debatte fällt dafür auch das Wort Hassrede.

Diese Hassrede basiert jedoch nicht auf Bias und Diskriminierung, etwa wegen „race“ oder „gender“. Sie basiert auf Verschwörungsglauben und Wissenschaftsfeindlichkeit. Hassrede im erweiterten Sinn meint offenbar auch andere verletzende Worte. Der Begriff diffundiert.

Eine Aufweichung des Begriffs Hassrede steckt auch in der Definition von „hate incidents“ in Großbritannien. Als „hate incidents“ gelten laut Infoseite zunächst Vorfälle, bei denen das Opfer oder jemand anderes denkt, sie basieren auf Vorurteilen oder Feindlichkeit gegen „Behinderung, race, Religion, Transidentität, sexuelle Orientierung“. Das wäre noch der engere Begriff von Hassrede. Aber im Raum Manchester, heißt es weiter, gelten als „hate incidents“ auch Vorfälle gegen Angehörige von Subkulturen wie Goth, Emo und Punk. Das geht über geläufige Formen der Diskriminierung hinaus.

Ein erweiterter Begriff von Hassrede geht auch aus einem Gesetzespaket der Bundesregierung hervor, das Mitte 2021 in Kraft trat. Es hat unter anderem die Meldepflichten für Online-Plattformen verschärft. Die Plattformen müssen bei einer Reihe von Vorfällen fortan dem BKA Bescheid sagen, beispielsweise „Belohnung und Billigung von Straftaten“ und „Bedrohungen mit Verbrechen gegen das Leben, die sexuelle Selbstbestimmung, die körperliche Unversehrtheit oder die persönliche Freiheit“. Der Name für all das: „Gesetzespaket gegen Hass und Hetze“.

Diskriminierung und Bias werden hier nicht mehr als notwendiges Merkmal beschrieben. Die Abwertung einer einzelnen Person ist ebenso denkbar wie die Abwertung einer Gruppe. Hasskriminalität – und damit auch Hassrede – kann demnach alle treffen.

Einen besonderen Fokus hat des Gesetzespaket dennoch, und zwar auf „Personen, die aufgrund ihrer beruflichen oder ehrenamtlichen Tätigkeit Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt sind“, heißt es auf einer Erklärseite der Bundesregierung. Als Beispiele werden etwa Kommunalpolitiker:innen genannt und Hilfskräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst.

Hassrede gegen weiße Männer?!

Besonders offen ist eine Definition des „Programms Polizeiliche Kriminalprävention“, einer Infoseite der Polizeien von Bund und Ländern. Dort steht: „Im Prinzip kann jeder und jede aus jeder sozialen Gruppe Opfer von Hasskriminalität werden.“ Hasskriminalität basiert demnach zwar auf „Vorurteilen“, aber Diskriminierung wird nicht ausdrücklich erwähnt. Vielmehr würden die Vorurteile generell auf „andere soziale Gruppen“ zielen.

Diesen erweiterten Definitionen zufolge müsste es auch Hassrede geben, die einen Fokus auf weiße Männer richtet, auf Banker:innen oder Influencer:innen, kurzum: auf jene privilegierten Gruppen der Gesellschaft, die im engeren Begriff von Hassrede ausdrücklich nicht mitgemeint waren.

Das ist auch schon der große Nachteil des erweiterten Begriffs von Hassrede. Der engere Begriff von Hassrede konnte die besondere Benachteiligung von diskriminierten Gruppen in der Gesellschaft sichtbar machen. Der erweiterte Begriff von Hassrede macht sie wieder unsichtbar.

Ein Vorteil des erweiterten Begriffs von Hassrede ist, dass er das Durcheinander aus verletzenden Äußerungen, Straftatbeständen und potentiellen Opfern auf ein simples Wort runterbricht: Hassrede. Drei Silben. Hassrede kann einem das Leben zur Hölle machen, unabhängig von den eigenen Privilegien und Diskriminierungsmerkmalen. Ein Begriff wie Hassrede kann Betroffenen dabei helfen, sich in einer solchen Ausnahmesituation für andere verständlich zu machen.

Hassrede 3.0: Hört Hassrede irgendwo auf?

Beim erweiterten Begriff von Hassrede spielt die individuelle Perspektive der betroffenen Personen offenbar eine große Rolle. Fragt sich nur, wo dieser erweiterte Begriff seine Grenzen hat. Wenn etwa jemand einen Verriss über einen Kinofilm schreibt, und drei Leute antworten: „Du hast doch keine Ahnung, der Film war spitze“ – ist das schon Hassrede? Schwierig. Ein unklarer Begriff von Hassrede könnte dazu führen, dass die ursprünglich gemeinten Probleme verharmlost werden.

Ich habe den Eindruck, der Begriff Hassrede wurde in der öffentlichen Debatte bisher zwar erweitert, aber eine neue Abgrenzung nach außen steht noch aus. Hört Hassrede irgendwo auf? Dafür möchte ich einen Vorschlag machen.

Um Hassrede von anderen verletzenden Äußerungen zu unterscheiden, könnte die Bedeutung des Wortes Hass helfen, über die ich am Anfang geschrieben habe: Der Wille, dass das Ziel des Hasses verschwindet, mindestens aus der eigenen Wahrnehmung, vielleicht sogar aus der Welt. Ein eingrenzende Definition von Hassrede im erweiterten Sinn könnte dann so aussehen:

Hassrede sind verletzende Äußerungen gegen eine Person oder eine Gruppe, in denen der Wille erkennbar wird, dass das Ziel des Hasses verschwindet, mindestens aus der eigenen Wahrnehmung.

Im Beispiel der Filmkritik wäre die Grenze zur Hassrede dann überschritten, wenn Menschen kommentieren: „Du bist kein echter Fan und solltest die Klappe halten“ oder: „Lösch dich“ oder auch: „Tastatur wegnehmen und für immer wegsperren!“.

Mehr Worte, weniger Missverständnisse

Wer von Hassrede spricht und dabei ganz sicher auch auf Diskriminierung aufmerksam machen möchte, muss das wohl dazu sagen – ansonsten könnte das durch den inzwischen diffundierten Begriff von Hassrede übersehen werden. Vielleicht werde ich in Zukunft mal ausprobieren, von „Hassrede und Diskriminierung“ zu sprechen, wenn ich Hassrede im engeren Sinn meine.

Recht nützlich finde ich auch den Begriff „verletzende Worte“ oder „verletzende Äußerungen“. Das lenkt den Fokus weg von der Gefühlswelt der Aggressor:innen. Ob sie gerade Hass oder etwas anderes empfinden, ist für den Begriff unwichtig. Stattdessen geht es darum, ob die Worte, Gesten oder sonstigen Äußerungen verletzen.

Auf dem Infoportal „Polizei für dich“ ist „verletzende Worte“ ein Sammelbegriff, unter den auch Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung fallen können.

In einer grafischen Darstellung würde das so aussehen: Verletzende Worte sind der weiteste aller Begriffe. Eine Teilmenge davon sind diskriminierende Worte, sowohl abwertend als auch scheinbar aufwertend. Ein Teil davon wiederum ist Hassrede im engeren Sinn. Hassrede im erweiterten Sinn umfasst auch nicht-diskriminierende Worte. Hasskriminalität ist eine kleine, strafbare Teilmenge beider Begriffe von Hassrede.

Ich bin gespannt, wie sich der Begriff weiter entwickelt. Wenn ihr weitere Perspektiven auf den Begriff und seine Entwicklung habt, freue ich mich über Kommentare.

Update, 26.02.22: Ich habe das Schaubild angepasst. Zuvor befand sich der graue Kreis für „Hasskriminalität“ nur im dunkelblauen Kreis für „Hasssrede im engeren Sinn“. Aber auch Hassrede im erweiterten Sinn kann Hasskriminalität sein, zum Beispiel Gewalt gegen Impfärzt:innen. Der graue Kreis musste also verschoben werden. Lieben Dank an Hanno Scholtz von der Uni Zürich für den Hinweis!