Wie spricht man mit jemandem, der an Chemtrails glaubt?

Unumstößlich glaubt Brigitte B. an die tägliche Vergiftung durch Chemtrails hat aber nichts gegen Besuch von Journalist:innen. „Es ist meinem Grad an Weisheit zu verdanken, dass ich nicht über alles und jedes diskutieren muss.“

| Dieser Beitrag ist zuerst im März 2017 auf Bayern 2 erschienen. Das Radio-Manuskript wurde zur besseren Lesbarkeit leicht angepasst | Recherche: Minh Thu Tran, Sebastian Meineck |

Brigitte B.: Chemtrails sind immer da, weil Flugzeuge diese Chemtrails verspritzen. Das passiert ab in der Früh, da merkt man dann schon die Flugtätigkeit. Sie werden immer mehr, und dann kommt so ein Schleier vor die Sonne.

Die Sonne wird verschleiert von giftigen Chemtrails, davon ist die Brigitte B. überzeugt. Die Münchnerin bezeichnet sich als Sonnenanbeterin, hat mal ein Fitness-Studio betrieben, lebt heute mit Mann und Hund in einem kleinen Haus. Wenn sie die Sonne genießt, betrachtet Brigitte B. besorgt die Kondensstreifen am Himmel, weiße Schlieren, die Flugzeuge absondern. Denn sie glaubt, da sind Chemikalien drin, mit Absicht versprüht, obwohl das zum Fliegen gar nicht nötig ist.

B.: In Chemtrails sind Aluminium, Barium und Strontium. Wenn die Chemie von diesen Trails in unsere Körper eindringt, dann könnte ich mir vorstellen, dass ich krank werde.

Fakt ist: Kondensstreifen machen nicht krank. Da sind sich Wissenschaftler*innen und Flugzeugbauer*innen einig, bezeichnen den Glauben an Chemtrails als Verschwörungstheorie. Doch Brigitte B. überzeugt das einfach nicht. Auf die Frage, woher die Chemtrails genau kommen, hat sie eine Theorie, nämlich:

B.: …dass zum Beispiel gewisse Fluglinien extrem viel Geld verlangen für ihr Zusatzgepäck. Ja, ist doch logisch: Weil sie dann unten den Raum frei haben, um irgendwelche Tanks zu installieren, wo diese Chemikalie versprüht wird.

An der Universität Innsbruck forscht der Historiker Claus Oberhauser über Verschwörungstheorien. Er sagt: Verschwörungstheorien habe es schon immer geben, und das habe auch seinen Sinn.

Claus Oberhauser: Verschwörungstheorien haben eine soziale Funktion, weil sie identitätsbildend sind. Sie helfen Menschen sehr stark dabei, bestimmte störende Ereignisse handhabbar zu machen.

Verschwörungstheorien machen die Welt einfacher, da würde wohl sogar Brigitte B. zustimmen.

B.: Wir sind hilflos und inkompetent, wir Menschen. Das heißt, wir möchten uns die Dinge erklären, die wir nicht imstande sind, uns zu erklären.

Und Brigitte B.s Erklärung für Kondensstreifen sind eben: mit Absicht versprühte Chemikalien. Einigen Leuten in einer Münchner Fußgängerzone erscheinen Chemtrails gar nicht so abwegig.

Umfrage: Ich glaube nicht, dass das ne Verschwörung ist. Aber dass wir da etwas nicht erfahren sollen, find ich, ist offensichtlich. / Ich halte alles für möglich in unserer Gesellschaft heute. Also auf jeden Fall ist da ein Unterschied zwischen Kondensstreifen und anderen Streifen, die ihre Form nicht verlieren./ Der Staat ist in der Lage, Regen zu produzieren. Aus diesen Streifen entstehen Wolken.

Etwa jeder Dritte Deutsche glaubt an irgendeine Verschwörungstheorie, das geht aus Umfragen hervor. Aber was ist zu tun, wenn uns Freund*innen oder Verwandte mit so einer Theorie überraschen? Historiker Claus Oberhauser rät:

Oberhauser: Es bringt eigentlich nichts einem Verschwörungstheoretiker zu sagen, dass er Verschwörungstheoretiker ist. Das bringt ihn dazu, dass er  in seiner Meinung noch bestärkt wird. Man darf die Person nicht verächtlich machen. Man darf sich nicht lustig machen. Man muss mit diesen Menschen in Kontakt treten und wirklich mit ihnen darüber sprechen: Wo haben sie die Informationen her? Was ist ihr lebenswirklicher Bezug zu Verschwörungstheorien?

Nur, wenn sich beide auf Augenhöhe begegnen, lässt sich der Irrglaube vielleicht aufklären. Immer funktioniert das aber nicht. Brigitte B. sagt von sich: Nicht mal  Flugzeugingenieur*innen könnten sie umstimmen.

B.: Also, dass ich überzeugt werde, dass das Kondensstreifen mit Wasser sind, das ist nicht möglich. Ingenieure und wer da alles dabei ist, die arbeiten ja dort, die sind beschäftigt. Die werden den Teufel tun und sich gegen ihren Arbeitgeber stellen.

Brigitte B. gibt sich unbeugsam, aber über Chemtrails streiten will sie auch nicht. Sie ist sogar mit jemandem verheiratet, der nicht an Chemtrails glaubt, wie sie erzählt. Wie funktioniert denn sowas?

B.: Es ist meinem Grad an Weisheit zu verdanken, dass ich nicht über alles und jedes diskutieren muss. Und wenn man sich ansonsten gut versteht, glaube ich, dass das einer Beziehung nicht abträglich ist. Denn eine Kontroverse wirst du immer haben.

Reden, aber nicht streiten: So lässt sich das mit den Verschwörungstheorien ganz praktisch lösen. Denn so ein Streit ist sicher giftiger als die Kondensstreifen am Himmel.

Bild: Sebastian Meineck (CC0)